Du schnappst dir morgens einen Leih-Scooter, rollst die letzten zwei Kilometer zum Büro und fragst dich irgendwann: Darf ich hier eigentlich fahren? Geht das zu zweit? Und was passiert, wenn mich die Polizei nach dem Feierabendbier anhält? Ich bin die Fragen einmal komplett durchgegangen, damit du es nicht auf die harte Tour lernen musst.
Der E-Scooter ist für mich das fehlende Puzzleteil zwischen U-Bahn und Haustür, das habe ich in meinen Tipps zur Mikromobilität schon ausführlich begründet. Aber das Puzzleteil hat Spielregeln, und die kennen erstaunlich wenige.
Die Grundregeln: was die eKFV wirklich verlangt
Rechtlich fährst du ein Elektrokleinstfahrzeug, geregelt in der Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung. Daraus folgen ein paar harte Ansagen:
- Tempo: maximal 20 km/h, schnellere Scooter haben auf der Straße nichts verloren und kosten dich im Zweifel die Betriebserlaubnis
- Mindestalter: 14 Jahre, ein Führerschein ist nicht nötig
- Fahrbahnwahl: Radweg oder Radfahrstreifen, wenn vorhanden, sonst Fahrbahn. Der Gehweg ist tabu, immer.
- Allein fahren: Der Scooter ist für eine Person zugelassen, die zweite Person auf dem Trittbrett ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Bußgeld
- Beim Alkohol gelten die Auto-Regeln: ab 0,5 Promille wird es teuer, ab 1,1 bist du eine Straftat weiter, und unter 21 gilt die Null-Promille-Grenze
Gerade der letzte Punkt wird unterschätzt. Wer mit 1,2 Promille vom Späti nach Hause rollt, riskiert den Autoführerschein, auch wenn er gar kein Auto besitzt. Und noch eine Kleinigkeit mit großer Wirkung: Abbiegen funktioniert wie beim Fahrrad, mit Schulterblick und Handzeichen. Auf dem Trittbrett wirkt das wackliger, deshalb kurz vorher Tempo raus, Zeichen geben, dann mit beiden Händen zurück an den Lenker.
Versicherung: ohne Plakette geht nichts
Jeder E-Scooter braucht eine eigene Haftpflichtversicherung, erkennbar an der kleinen Klebeplakette am Heck. Das Versicherungsjahr beginnt jeweils am 1. März, dann wechselt die Farbe der Plakette, genau wie beim Mofa-Kennzeichen. Die Kosten sind überschaubar, je nach Anbieter liegt der Jahresbeitrag im Bereich weniger Euro pro Monat. Hintergründe zur Kennzeichenpflicht und zum jährlichen Farbwechsel erklärt der Gesamtverband der Versicherer auf gdv.de.
Fährst du ohne gültige Plakette, ist das keine Ordnungswidrigkeit, sondern eine Straftat nach dem Pflichtversicherungsgesetz. Bei Leih-Scootern kümmert sich der Anbieter darum, bei deinem eigenen bist du selbst dran, und der März-Termin schleicht sich jedes Jahr wieder an. Ein Foto der neuen Plakette samt Kaufbeleg im Handy-Ordner erspart außerdem Diskussionen, falls die Folie über den Sommer ausbleicht oder sich jemand an deinem Roller zu schaffen macht.
Leihen oder kaufen: zwei verschiedene Sportarten
Leih-Scooter und eigener Scooter fühlen sich gleich an, sind praktisch aber zwei Welten. Beim Leihroller übernimmt der Anbieter Versicherung, Wartung und Plakette, dafür zahlst du pro Minute und musst nehmen, was an der Ecke steht, inklusive schwammiger Bremsen und müdem Akku. Der eigene Scooter dreht das um: Anschaffung und Pflege liegen bei dir, dafür kennst du dein Gerät in- und auswendig, und wer regelmäßig fährt, unterbietet die Minutenpreise der Verleiher erstaunlich schnell.
Beim Kauf gibt es eine harte Grenze: Nur Modelle mit Allgemeiner Betriebserlaubnis (ABE) dürfen auf die Straße. Das verlockende Importgerät mit 35 km/h Spitze ist hierzulande schlicht illegal, und ohne ABE winkt auch der Versicherer ab. Dazu kommt der Blick auf Gewicht und Reichweite: Wer den Roller täglich in den dritten Stock trägt, wird mit einem 25-Kilo-Reichweitenmonster nicht glücklich.
Sicher unterwegs: die Punkte, die wirklich Unfälle verhindern
Die typischen E-Scooter-Unfälle passieren nicht bei Tempo 20 auf freier Strecke, sondern an Bordsteinkanten, auf nassen Straßenbahnschienen und beim Abbiegen. Die kleinen Räder verzeihen deutlich weniger als ein Fahrrad: Eine Kante, die du mit dem Rad kaum spürst, hebelt den Scooter aus. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat sammelt auf dvr.de Empfehlungen für Fahranfänger, und die decken sich mit meiner Erfahrung: Gewicht leicht nach hinten an Kanten, bei Nässe Tempo raus, und Schienen immer im möglichst steilen Winkel queren.
Ein Helm ist nicht vorgeschrieben, aber bei den Kopfverletzungszahlen aus den Unfallstatistiken fahre ich keinen Meter mehr ohne. Dazu Licht an, sobald es dämmert, das ist bei vielen Modellen ohnehin fest verbaut. Und ein Punkt, den fast alle vergessen: die Reifen. Bei Luftbereifung entscheidet der Druck über Bremsweg und Pannenrisiko, einmal im Monat prüfen gehört dazu, während Vollgummi Pannensicherheit gegen spürbar weniger Grip bei Nässe tauscht.
Parken ohne Ärger
Das Bild kippt gerade in vielen Städten: Kreuz und quer abgestellte Leihroller haben dafür gesorgt, dass Ordnungsämter genauer hinschauen und Anbieter feste Abstellzonen einführen. Die Regel ist einfach, auch für den eigenen Scooter: abstellen wie ein Fahrrad, also platzsparend am Rand, ohne Gehweg, Einfahrten oder Blindenleitsysteme zu blockieren. Wo Abstellzonen markiert sind, gehören die Roller dorthin, sonst drohen Umsetzgebühren, die den Tagesausflug schnell verdoppeln. In Berlin und anderen Großstädten markieren inzwischen Piktogramme auf dem Asphalt die erlaubten Flächen, und die Leih-Anbieter erzwingen das ordentliche Abstellen per App-Foto. Für den eigenen Roller gilt dieselbe Höflichkeitsregel, nur eben ohne Foto-Beweis.
Fazit: fünf Minuten Regelkunde, jahrelang Ruhe
Der E-Scooter ist ein großartiges Stadtfahrzeug, wenn du ihn wie ein Fahrzeug behandelst und nicht wie ein Spielzeug. Die Regeln sind schnell gelernt: 20 km/h, Radweg, allein, nüchtern, Plakette dran. Wer das verinnerlicht, hat vom Scooter genau das, was er verspricht, nämlich die schnellste und entspannteste letzte Meile der Stadt. Alles andere ist vermeidbarer Ärger.
